Zeitdokumente

Auch die "Bankzeiten" haben sich über die Jahre verändert. Hier finden sich so einige Zeitdokumente (Erzählungen, Bilder und Videos) und aus heutiger Sicht kann man sich ein Schmunzeln oft nicht verkneifen. Dabei ist doch alles noch gar nicht so lange her - oder etwa doch ... ?

Pandemiebedingt finden die Feierlichkeiten zum 150jährigen Jubiläum nur in sehr kleinem Rahmen statt. Es gibt aber zu diesem Anlaß ein sehenswertes Video:


[VA] Der Slogan stimmt unverändert - es gilt dieses Vertrauen dauerhaft zu rechtfertigen und zu bewahren.


[NW] gehörte zu den Geschäftsstellenbetreuern der Deutsche Bank-Hauptfilialen, die nach dem Mauerfall in die DDR entsandt wurden, um das Filialnetz der DDR-Staatsbank zu "erkunden". Hier seine Erinnerungen:

  • Go East I [NW]
  • An einem Sonntagnachmittag im März 1990 klingelte in meiner Wohnung in Hannover das Telefon und mein Chef, Ralph T., war dran: „Herr W., ich habe gerade einen Anruf aus der Zentrale bekommen, wir müssen morgen früh nach Frankfurt. Es geht um die Staatsbank der DDR. Wir sollen einen Koffer mit den nötigen Sachen für ein paar Tage packen. Mehr weiß ich nicht.“ Überrascht packte ich ein paar Sachen zusammen und am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Intercity nach Frankfurt. Dort trafen wir in einem großen Sitzungssaal im C-Geschoss des Doppelturms an der Taunusanlage fast alle Geschäftsstellenbetreuer der übrigen 16 Hauptfilialen aus dem Bundesgebiet, die Kenntnisse zum Thema Standortfragen hatten.

    Es ging um die Übernahme des Filialnetzes der Staatsbank der DDR, das der Deutschen Bank angeboten worden war. Die Kollegen aus dem Zentrale-Team rund um meinen Onkel, Heinz-Arno F., die für die Standortfragen der Deutschen Bank zuständig waren, hatten das Treffen gut vorbereitet: Die Geschäftsstellenbetreuer der westlichen Hauptfilialen sollten in die DDR ausschwärmen und dort an allen Standorten der DDR-Staatsbank Unterlagen beschaffen, um eine Entscheidung über die Übernahme vorbereiten zu können. An jedem Standort sollten Stadtpläne besorgt, Fotos der jeweiligen Staatsbankfiliale von außen gemacht werden (auf keinen Fall sollten wir aber in die Filialen hineingehen), die nähere Umgebung sowie die Lauflagen und Einkaufsmöglichkeiten der Städte sollten fotografiert und in den Stadtplänen skizziert werden, sowie auf alle standortrelevanten Punkte geachtet werden. Dazu erhielt jeder Geschäftsstellenbetreuer eine vorbereitete Mappe, in der die Orte aufgeführt waren, die er zu untersuchen hatte und in die anschließend die vor Ort gewonnen Unterlagen und Erkenntnisse aufzunehmen waren.

    Unter Reisegesichtspunkten hatte man die DDR so aufgeteilt, dass unsere Kollegen aus den westlichsten und südlichsten Hauptfilialen die am weitesten im Osten liegenden Standorte bekamen und die grenznahen Hauptfilialen wie Frankfurt, Hannover und Hamburg die grenznahen Gebiete in der DDR. So hatten beispielsweise die Düsseldorfer Kollegen den Bereich um Chemnitz - damals noch Karl-Marx-Stadt - und Ralph T. und ich bekamen Standorte aus dem an den Harz grenzenden Sachsen-Anhalt zugewiesen. Wir fuhren zurück nach Hannover und beschlossen, am nächsten Tag zunächst einen Standort gemeinsam zu besuchen und uns danach aufzuteilen. Dazu wählten wir Aschersleben aus. 

  • Go East II [NW]
  • Am frühen Dienstagmorgen fuhren wir mit zwei Autos in Richtung Grenze. Irgendwo am nördlichen Harzrand kamen wir an eine Stelle, an der eine etwa 10 Meter breite Lücke in den Grenzzaun geschnitten worden war und eine provisorische Fahrbahn aus Betonelementen verlegt worden war. So war ein von DDR-Grenzorganen bewachter Behelfsgrenzübergang entstanden, den wir zur Einreise nutzten. Dann ging es über holprige Landstraßen weiter Richtung Aschersleben. Für mich war das wie eine Reise in eine andere Welt. Als junger Mensch, ohne jegliche Verwandte in der DDR, hatte ich (abgesehen von der Transitstrecke nach Berlin und dem Ost-Berlin-Besuch anlässlich der obligatorischen Oberstufen-Klassenfahrt nach Berlin) noch nie etwas von der DDR gesehen. Die Unmengen verfallender Gebäude, das allgegenwärtige Grau der Städte trotz strahlenden Sonnenscheins und die stinkenden Kleinwagen machten zunächst einen deprimierenden Eindruck auf mich. 

    Irgendwann erreichten wir Aschersleben und eines der ersten Bilder, das ich sah, war ein Bulldozer, der eine lange Kette um ein arg verfallenes, uraltes Fachwerkhaus gelegt hatte, einmal kurz anfuhr und schon war das Haus Vergangenheit. Wir suchten zunächst das Rathaus auf, um hier nach einem Stadtplan zu fragen. Da im Flur ein großer Stadtplan an einer Tafel befestigt war, wandte Ralph T. sich an die Empfangsdame und versuchte, sie zu becircen, uns eine Kopie des Stadtplans zur Verfügung zu stellen. Aber auch ein elegant über den Tresen geschobenes Päckchen West-Kaffee, mit einem kleinen 10-DM-Schein verziert, konnten die Dame nicht dazu bewegen - sie hatte schlicht keinen weiteren Plan. Wie dann der Stadtplan von der Wand in die Tasche von Ralph T. gelangt ist, habe ich nicht gesehen, ich weiß nur, dass wir dann das Rathaus fluchtartig verlassen haben.

  • Go East III [NW]
  • Nach unserer gemeinsamen Standortbetrachtung und Lauflagenanalyse übernahm ich die Besuche der Städte Bernburg, Köthen, Eisleben und Sangerhausen, Ralph T. fuhr nach Wernigerode, Quedlinburg, Halberstadt und Oschersleben. Das Problem der Stadtplanbeschaffung fand sich fast überall, nur in Bernburg konnte ich problemlos in einer Buchhandlung einen Stadtplan erstehen. In Köthen gab es nur einen öffentlichen, auf eine Holzplatte mit Ölfarbe gemalten Stadtplan, den ich abfotografierte, um wenigstens eine grobe Orientierung zu haben. Obwohl ich mit meiner privaten Praktica-Spiegelreflexkamera - ein DDR-Produkt - fotografierte, fiel ich trotzdem sofort als Wessi auf und wurde mehrfach freundlich und neugierig angesprochen. Die besuchten Städte machten auf mich einen traurigen Eindruck. Besonders schlimm habe ich Eisleben in Erinnerung, die Geburtsstadt Martin Luthers, in der die Kirchen so aussahen, als würden sie jeden Augenblick einstürzen.  Von den besuchten Städten bin ich nur in Aschersleben ein weiteres Mal gewesen, das war 2012 und ich konnte sehen, wie gut sich diese Stadt entwickelt hatte. Gerne möchte ich einmal sehen, wie Bernburg und Eisleben heute aussehen.

    Wenn man betrachtet, was alles in den folgenden Monaten und Jahren in den neuen Bundesländern innerhalb der Deutschen Bank passierte, dann habe ich diese Woche als Pionieraufgabe in Erinnerung und als eine der spannendsten und interessantesten Wochen meines Berufslebens. 

An einem Sonntagnachmittag im März 1990 klingelte in meiner Wohnung in Hannover das Telefon und mein Chef, Ralph T., war dran: „Herr W., ich habe gerade einen Anruf aus der Zentrale bekommen, wir müssen morgen früh nach Frankfurt. Es geht um die Staatsbank der DDR. Wir sollen einen Koffer mit den nötigen Sachen für ein paar Tage packen. Mehr weiß ich nicht.“ Überrascht packte ich ein paar Sachen zusammen und am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Intercity nach Frankfurt. Dort trafen wir in einem großen Sitzungssaal im C-Geschoss des Doppelturms an der Taunusanlage fast alle Geschäftsstellenbetreuer der übrigen 16 Hauptfilialen aus dem Bundesgebiet, die Kenntnisse zum Thema Standortfragen hatten.

Es ging um die Übernahme des Filialnetzes der Staatsbank der DDR, das der Deutschen Bank angeboten worden war. Die Kollegen aus dem Zentrale-Team rund um meinen Onkel, Heinz-Arno F., die für die Standortfragen der Deutschen Bank zuständig waren, hatten das Treffen gut vorbereitet: Die Geschäftsstellenbetreuer der westlichen Hauptfilialen sollten in die DDR ausschwärmen und dort an allen Standorten der DDR-Staatsbank Unterlagen beschaffen, um eine Entscheidung über die Übernahme vorbereiten zu können. An jedem Standort sollten Stadtpläne besorgt, Fotos der jeweiligen Staatsbankfiliale von außen gemacht werden (auf keinen Fall sollten wir aber in die Filialen hineingehen), die nähere Umgebung sowie die Lauflagen und Einkaufsmöglichkeiten der Städte sollten fotografiert und in den Stadtplänen skizziert werden, sowie auf alle standortrelevanten Punkte geachtet werden. Dazu erhielt jeder Geschäftsstellenbetreuer eine vorbereitete Mappe, in der die Orte aufgeführt waren, die er zu untersuchen hatte und in die anschließend die vor Ort gewonnen Unterlagen und Erkenntnisse aufzunehmen waren.

Unter Reisegesichtspunkten hatte man die DDR so aufgeteilt, dass unsere Kollegen aus den westlichsten und südlichsten Hauptfilialen die am weitesten im Osten liegenden Standorte bekamen und die grenznahen Hauptfilialen wie Frankfurt, Hannover und Hamburg die grenznahen Gebiete in der DDR. So hatten beispielsweise die Düsseldorfer Kollegen den Bereich um Chemnitz - damals noch Karl-Marx-Stadt - und Ralph T. und ich bekamen Standorte aus dem an den Harz grenzenden Sachsen-Anhalt zugewiesen. Wir fuhren zurück nach Hannover und beschlossen, am nächsten Tag zunächst einen Standort gemeinsam zu besuchen und uns danach aufzuteilen. Dazu wählten wir Aschersleben aus. 

Am frühen Dienstagmorgen fuhren wir mit zwei Autos in Richtung Grenze. Irgendwo am nördlichen Harzrand kamen wir an eine Stelle, an der eine etwa 10 Meter breite Lücke in den Grenzzaun geschnitten worden war und eine provisorische Fahrbahn aus Betonelementen verlegt worden war. So war ein von DDR-Grenzorganen bewachter Behelfsgrenzübergang entstanden, den wir zur Einreise nutzten. Dann ging es über holprige Landstraßen weiter Richtung Aschersleben. Für mich war das wie eine Reise in eine andere Welt. Als junger Mensch, ohne jegliche Verwandte in der DDR, hatte ich (abgesehen von der Transitstrecke nach Berlin und dem Ost-Berlin-Besuch anlässlich der obligatorischen Oberstufen-Klassenfahrt nach Berlin) noch nie etwas von der DDR gesehen. Die Unmengen verfallender Gebäude, das allgegenwärtige Grau der Städte trotz strahlenden Sonnenscheins und die stinkenden Kleinwagen machten zunächst einen deprimierenden Eindruck auf mich. 

Irgendwann erreichten wir Aschersleben und eines der ersten Bilder, das ich sah, war ein Bulldozer, der eine lange Kette um ein arg verfallenes, uraltes Fachwerkhaus gelegt hatte, einmal kurz anfuhr und schon war das Haus Vergangenheit. Wir suchten zunächst das Rathaus auf, um hier nach einem Stadtplan zu fragen. Da im Flur ein großer Stadtplan an einer Tafel befestigt war, wandte Ralph T. sich an die Empfangsdame und versuchte, sie zu becircen, uns eine Kopie des Stadtplans zur Verfügung zu stellen. Aber auch ein elegant über den Tresen geschobenes Päckchen West-Kaffee, mit einem kleinen 10-DM-Schein verziert, konnten die Dame nicht dazu bewegen - sie hatte schlicht keinen weiteren Plan. Wie dann der Stadtplan von der Wand in die Tasche von Ralph T. gelangt ist, habe ich nicht gesehen, ich weiß nur, dass wir dann das Rathaus fluchtartig verlassen haben.

Nach unserer gemeinsamen Standortbetrachtung und Lauflagenanalyse übernahm ich die Besuche der Städte Bernburg, Köthen, Eisleben und Sangerhausen, Ralph T. fuhr nach Wernigerode, Quedlinburg, Halberstadt und Oschersleben. Das Problem der Stadtplanbeschaffung fand sich fast überall, nur in Bernburg konnte ich problemlos in einer Buchhandlung einen Stadtplan erstehen. In Köthen gab es nur einen öffentlichen, auf eine Holzplatte mit Ölfarbe gemalten Stadtplan, den ich abfotografierte, um wenigstens eine grobe Orientierung zu haben. Obwohl ich mit meiner privaten Praktica-Spiegelreflexkamera - ein DDR-Produkt - fotografierte, fiel ich trotzdem sofort als Wessi auf und wurde mehrfach freundlich und neugierig angesprochen. Die besuchten Städte machten auf mich einen traurigen Eindruck. Besonders schlimm habe ich Eisleben in Erinnerung, die Geburtsstadt Martin Luthers, in der die Kirchen so aussahen, als würden sie jeden Augenblick einstürzen.  Von den besuchten Städten bin ich nur in Aschersleben ein weiteres Mal gewesen, das war 2012 und ich konnte sehen, wie gut sich diese Stadt entwickelt hatte. Gerne möchte ich einmal sehen, wie Bernburg und Eisleben heute aussehen.

Wenn man betrachtet, was alles in den folgenden Monaten und Jahren in den neuen Bundesländern innerhalb der Deutschen Bank passierte, dann habe ich diese Woche als Pionieraufgabe in Erinnerung und als eine der spannendsten und interessantesten Wochen meines Berufslebens. 

[VA] Dieser Vortrag aus der Zeit zeigt schon ein wenig Mut beim Blick in die technologische Zukunft. Was damals noch für ein Schmunzeln oder mildes Lächeln sorgte, da die Zukunft noch unendlich fern schien, ist heute längst selbstverständlich und weit überholt.

[VA] Der Verkauf von Wertpapieren über den Schalter (Tafel) ohne, dass der Name des Käufers festgehalten wurde, gehörte noch zum Tagesgeschäft - heute undenkbar.

Man achte auch einmal auf den Zinssatz - Anfang der 80er gab es für Jahresanlagen bis zu 12,75 % - für 5 Jahre etwa 10 %. Okay - die Inflation war auch ein wenig höher ;-) 


[VA] Heute zückt man mal eben das Smartphone, schießt ein paar Bilder, sucht das beste raus und löscht die übrigen. Das ist bei professionellen Aufnahmen natürlich etwas aufwändiger - aber damals war das eine wirklich große Sache: Es wurden jede Menge Aufnahmen in allen "Positionen" gemacht; die Ergebnisse gab es natürlich erst einige Zeit später. Dann wurde ausgewählt, welches Bild es sein sollte und dann wurde eine Druckplatte erstellt. Das war noch was ...


  • 1977 Ausbildungsstart – Erlebnisbericht Teil 1 [NW]
  • Das fing ja schon mal gut an! Kaum die ersten Stunden im Beruf und schon in den Urlaub geschickt! Aber das musste so sein: Durch den Beginn unserer Berufsausbildung am 1.8.1977 hatten wir Auszubildenden 5/12 Urlaubsanspruch des Kalenderjahres 1977 und davon sollte der größte Teil gleich am Anfang genommen werden. So wurden wir erst einmal für 2 Wochen nach Hause geschickt.

    Herr Maximilian W., unser Ausbildungsleiter in Bremen, erklärte uns an diesem 1.8. unsere Rechte und Pflichten als Azubis. Da saßen wir also zusammengewürfelt aus vielen Bremer Stadtteilen und den niedersächsischen Umlandgemeinden  Bremens: Michael B., Anke C., Astrid W., Rolf-Holger S., Daniel O., Dietmar S., Uwe B., Karl-Christian V., Ted-Roger K., Evelyn D., Elke P., Rainer B., Frank K., Frank B., Angela N., Kirsten P., Jörg N., Heinz F.,  Astrid L., Karin B., Irene J., Uwe J., Martina J., Sabine A., Christine Z. und noch ein paar, deren Namen ich nicht mehr weiß. Aus Delmenhorst, Oldenburg, Cloppenburg und Bremerhaven waren ebenfalls die neuen Azubis angereist: Christiane S., Heiko P., Martina H. seine spätere Frau, ein superarroganter Pinsel aus Oldenburg, der schon Bundeswehroffizier gewesen war und deutlich älter war als wir Übrigen. Außerdem Rudi S. aus Cloppenburg und weitere, an die ich mich nicht mehr erinnere.

    Dann gab es bald - obwohl wir noch keinen Tag gearbeitet hatten - die erste Gehaltsabrechnung. Für alle - nur nicht für mich. Aus irgendeinem Grund war mein Personaldatensatz in der EDV nicht erstellt worden, so dass ich keine Gehalts-abrechnung bekommen konnte, also gab es auch kein Gehalt. Aber die großzügige Genehmigung der Personalabteilung, dass ich bis zum 15. September mein neues Konto um bis zu 300,00 DM überziehen durfte. Das fing ja gut an!

    Diese Überziehungsmöglichkeit war auch erforderlich, denn ich musste mich für meinen neuen Beruf passend einkleiden. Mein erstes selbst verdientes Geld vom Gartenamt war für die Interrail-Tour draufgegangen und nun wollte ich von meiner ersten „Ausbildungsvergütung“ einen Anzug kaufen. Bisher hatte ich nur ein kobalt-blaues Jackett und eine schwarze Stoffhose, die ich zu meiner Abiturfeier getragen hatte. Mit meiner Mutter ging ich zu Finke-Kleidung in der Obernstraße und fand einen preiswerten hellgrauen Anzug, der mir gefiel. Nun konnte ich wenigstens regelmäßig wechseln.

    Nachdem ich bisher Jahre lang tagtäglich mit Rollkragenpullover oder T-Shirt und Jeans herumgelaufen war, fiel die Umstellung auf Oberhemd, Krawatte und Sakko zunächst schwer. Wenn ich abends nach Dienstschluss die Bank durch den Personalausgang Katharinenstraße verließ, war der erste Griff stets zum Kragen, Knopf öffnen, Krawatte abziehen und endlich Erleichterung.

  • 1977 Ausbildungsstart – Erlebnisbericht Teil 2 [NW]
  • Das Krawattebinden musste ich mir auch erst mühselig beibringen. Stundenlang stand ich mit meinem Vater vor dem Spiegel und verzweifelte. Erst als Michael B. mir eine einfache Version des doppelten Windsorknotens zeigte, kapierte ich das Prinzip. Ab da wurde es einfacher. Heute binde ich mir die Krawatte notfalls im Dunkeln und ohne Spiegel – alles Übungssache.

    Als unsere Berufsausbildung begann, war die Arbeitswelt eine ganz andere, als heute und auch die Ausbildungsinhalte unterschieden sich von den heutigen. Zunächst einmal gab es noch feste Arbeitszeiten: Dienstbeginn war täglich um 08:15 Uhr und montags bis mittwochs war um 16:45 Uhr Schluss. Am Donnerstag (Schlado = Scheiß langer Donnerstag) war erst um 18:15 Uhr Feierabend und am Freitag bereits um 15:45 Uhr. Das blieb auch so, bis ich 1986 Bremen verließ. An variable Arbeitszeiten war damals noch nicht zu denken, also war man bemüht, auf jeden Fall pünktlich zu sein und fürchtete Verspätungen der Bahn. Die Öffnungszeit der Bank begann stets um 08:30 Uhr und Schließung war 15 Minuten vor Dienstende. 

    Wenn Dienstschluss war, wurde auch aufgehört zu arbeiten, egal ob man fertig war oder nicht. Natürlich, Kundenberatungsgespräche wurden nicht abgebrochen, aber man legte auch möglichst keinen Beratungstermin auf eine Uhrzeit kurz vor Feierabend, wenn es sich vermeiden ließ. Anfangs war auch Silvester noch ein Bankarbeitstag, an dem wir bis 12:00 Uhr geöffnet hatten. Heiligabend war damals schon Bankfeiertag.

    Außerhalb der Bremer Schulferien hatten wir zwei Mal die Woche Berufsschul-unterricht am Kaufmännischen Berufsschulzentrum an der Contrescarpe im Stephaniviertel. Endete der Unterricht vor der 6 Stunde, mussten wir anschließend in den Betrieb, ab der 6. Stunde durften wir anschließend (zum Lernen) heimfahren. Natürlich achteten wir darauf, dass keiner im Betrieb erfuhr, wenn an einem planmäßigen 6-Stunden-Schultag mal eine Stunde ausfiel. Leider gab es immer „Verräter“, so dass es mehrfach Ärger deswegen gab. Mit dem Unterricht an der Berufsschule tat ich mich deutlich leichter als im Gymnasium. Hatte ich im Abitur in Mathematik mit viel Mühe und Nachhilfe die 4 geschafft, so stand ich im kauf-männischen Rechnen ohne große Anstrengung auf einer 2. Bankbetriebslehre, Buchführung und allgemeine Wirtschaftslehre fand ich einfach, kaufmännisches Englisch ohnehin, und alles andere konnte man gut mit den anderen gemeinsam lernen. Ein ungewohntes Gefühl: plötzlich war ich ein guter Schüler!

    In der Berufsschule waren die Auszubildenden der einzelnen Kreditinstitute auf mehrere Klassen verteilt, so dass wir auch schnell Kontakt zu den Kollegen der Sparkasse in Bremen oder der Bremer Bank (Niederlassung der Dresdner Bank in Bremen) bekamen. Und auch bei diesen Instituten war es so wie bei uns: unter den Auszubildenden gab es Kukis, Mikis und normale Azubis. Kukis waren Kundenkinder, Mikis waren Mitarbeiterkinder (in dem Sinne war ich ein Mine = Mitarbeiter-Neffe). 

    Im Betrieb lernten wir den praktischen Teil unseres Berufs kennen: durch aktives Mitarbeiten und Lernen am Arbeitsplatz und durch internen Unterricht, der von Fachkräften der einzelnen Abteilungen gehalten wurde und theoretisches Wissen vertiefen sollte. Da die Ausbildungszeit für Abiturienten von 3 auf 2 Jahre verkürzt war, mussten wir in knapp 20 Monaten alles Prüfungsrelevante erlernen. Ein genauer Ausbildungsplan regelte, was wann zu erlernen wäre. Der Durchlauf durch die einzelnen Fachabteilungen und Zweigstellen war damit schon zu Beginn der Ausbildung festgelegt. 

    Ganz am Anfang eines neuen Ausbildungsjahrgangs gab es folgende Möglichkeit zu beginnen: in einer Stadtzweigstelle, am Schalter des Hauptgeschäfts am Domshof, in der Zahlungsverkehrsabteilung, in der Scheck-/Wechsel-Abteilung, in der Disposition oder der Registratur und Zentralkartei. Die höheren Weihen wie Effektenabteilung, Kreditausbildung, Baufinanzierung, Innenleitung oder Auslandsabteilung gab es erst im zweiten Ausbildungsjahr.

  • 1977 Arbeitsabläufe in der Sparabteilung [NW]
  • Ich kam gleich am Anfang in die Sparabteilung am Domshof. Hier gab es den Schalterbereich, in dem Kunden zu bedienen waren und im Wesentlichen Ein- oder Auszahlungen auf Sparbüchern vorzunehmen waren, Sparkonten oder Sparverträge eröffnet wurden oder Buchungen auf Sparbüchern nachzutragen waren. Das war insbesondere ab dem 1.1. eines neuen Jahres spannend, wenn hunderte vorwiegend ältere Kunden mit ihren Sparbüchern ankamen, um die Zinsen für das abgelaufene Jahr eintragen zu lassen. Manche hatten gleich ganze Stapel an Sparbüchern dabei und alles musste noch mit der Hand eingetragen werden! Da konnte man mit einem (immer ungeduldiger werdenden) Kunden schon mal längere Zeit verbringen. In Bremen wussten wir, dass andere Filialen in Deutschland gerade maschinell zu beschriftende Sparbücher einführten, doch Bremen war noch sehr rückständig. Für jedes Konto gab es eine Kontotasche: eine auf DIN-A-5-Format gefaltete Tasche aus durchsichtigem Plastik, in der die Kontounterlage mit Unterschriftsprobe abgelegt war und auf kleinen Papierblättchen die jeweiligen Kontobewegungen und Kontostände verwahrt wurden. Diese Blättchen wurden einmal am Tag von der Groß-EDV im Rechenzentrum angedruckt und mussten morgens als erstes vorwiegend von uns Auszubildenden einsortiert werden. Das war eine ätzende, langweilige, aber zwingend notwendige Tätigkeit, die viel Konzentration erforderte, denn wenn wir hier einen Fehler machten, konnte das gravierende Folgen haben. Ich weiß nicht, wie viele tausend Blättchen ich in meiner Lehre und den Jahren danach einsortiert habe.

    Damals hatten wir eine erheblich höheres Zinsniveau, als heute: für Sparkonten mit gesetzlicher Kündigungsfrist gab es damals noch 4% Zinsen, für Konten mit 48-monatiger Kündigungsfrist über 6%.

    Der Sparschalter war in der Kundenhalle links als eigene Abteilung mit einer eigenen Kasse angelegt. Es gab einen Abteilungsleiter, Klaus F., sowie mehrere feste Mitarbeiter, meistens Damen und auch schon Teilzeitkräfte. Besonders ist mir hier Anke P. in Erinnerung geblieben, die sich sehr nett um die Auszubildenden kümmerte und gut erklären konnte. Zur Sparabteilung gehörte auch die Sparprämienstelle, die im Hintergrund agierte und keinen oder nur seltenen direkten Kundenkontakt hatte. Sie wurde von Harald K. geleitet und hatte die Aufgabe, die staatlichen Prämien für die vermögenswirksamen Leistungen und die Prämiensparverträge der Kunden ordentlich zu beantragen und zu verbuchen. Hier war es als Azubis besonderes gruselig, weil es fast nichts anderes als Blättchen einzusortieren gab.

  • 1977 Einblick in die damals normale Bankarbeit [NW]
  • Um hier mal einen kleinen Einblick in die damals normale Welt der Bankarbeit zu geben, eine kurze Schilderung unserer Arbeitsbedingungen. Wie bereits erwähnt wurden alle Einträge in Sparbüchern mit dem Kugelschreiber oder dem Tintenfüller vorgenommen. Computer gab es nur als Großrechner, kein Mitarbeiter hatte ein Computerterminal oder einen PC vor sich zu stehen, geschweige denn einen Laptop oder ein I-pad. Gearbeitet wurde ausschließlich papierhaft. Das gilt auch für die Unterschriftsprüfungen, die jeden Tag tausendfach vorzunehmen waren. Da es noch keine Bargeldautomaten gab, holten sich alle Kunden ihr benötigtes Bargeld am Schalter bzw. an der Kasse. Dazu füllten sie einen Auszahlungsschein aus und wir mussten prüfen, ob die Unterschrift in Ordnung war und genug Guthaben oder Kreditrahmen verfügbar war, um auszahlen zu können. In den Zweigstellen gingen wir dazu an den Kontenschrank und prüften alles, am Domshof legten die Kassierer den Auszahlungsschein auf ein elektrisches Gerät und bei den Disponenten erschien dann der Auszahlungsbeleg auf einem kleinen Fernsehschirm, so dass sie die Unterschrift prüfen und die Verfügung freigeben konnten.

    In der Bremer Kassenhalle gab es auch einen Reiseschalter, an dem man Bargeld in ausländischen Währungen bekommen oder diese in DM umtauschen oder Reise-schecks kaufen konnte. Da es damals den Euro als weitverbreitetes Zahlungsmittel in Europa noch nicht gab, benötigte man für jeden Besuch in Holland, Frankreich Spanien oder Österreich Gulden, Francs, Pesos oder Schillinge. Und da Bremen eine bedeutende Hafenstadt war, kamen auch sehr häufig Seeleute aus exotischen Ländern, um ihre US-Dollars oder Heimatwährungen in DM zu tauschen. Zu den Reiseschecks: wenn man ins Ausland reisen wollte und nicht viel Bargeld mitnehmen wollte, kaufte man in einer Bank DM- oder Dollar-Reiseschecks, die in Anwesenheit des Bankmitarbeiters einmal unterschrieben wurden. Bei Ankunft im Ausland ging man in eine dortige Bank, legte den Scheck vor, unterschrieb ein zweites Mal und bekam dann, wenn die Unterschriften übereinstimmten, den DM- oder Dollar-Gegenwert in Landeswährung ausgezahlt. Ein sicheres System, das heute keine Anwendung mehr findet.

    Die Einführung von Computern für alle Mitarbeiter war ein Riesenschritt, der erst Mitte der 80er erfolgte. Dazu wurden Siemens-Nixdorf-Terminals installiert, mit denen man in gelber Schrift auf schwarzem Grund die Daten der Groß-EDV abrufen konnte und Sparbücher bedrucken oder andere Kundenandrucke erstellen konnte. Nun hatte das Blättchen einsortieren endlich ein Ende gefunden!

  • 1977 Wechsel überall – soll ich auch wechseln ? [NW]
  • Nach der Zeit in der Zweigstelle war ich einige Wochen bei den Disponenten, die für sämtliche Geldbewegungen auf allen laufenden Konten der Firmen- und Privatkunden verantwortlich waren, danach im Zahlungsverkehr, wo wir mit den Datenerfasserinnen Schecks, Überweisungen und Lastschriften maschinell verarbeiteten. Zum Zahlungsverkehr gehörte auch die Scheck-/Wechselabteilung, in der besonders skurrile Typen arbeiteten, über die man die wildesten Gerüchte vernahm. Der Wechsel spielte damals im Firmenkundengeschäft – und gerade in der Hanse- und Hafenstadt Bremen - noch eine große Rolle sowohl als Zahlungsmittel als auch als Kreditmittel, so dass wir alles über Wechseldiskontierung und Wechselinkasso noch life erlernen konnten. Zum Glück war das erste Jahr schnell vorüber. Mittendrin – in der Zeit im Zahlungsverkehr – hatte ich mir schon die Frage gestellt, ob das wirklich der richtige Beruf für mich wäre und ob ich mich nicht doch auf ein Studium konzentrieren sollte. Aber ich glaube, das geht jedem, der einen Beruf erlernt, eine Zeit lang so, dass man seine Berufswahl in Frage stellt. Von unseren Mitazubis hat eine sich diese Frage sehr konkret gestellt und hat die Ausbildung zu Gunsten eines sozialen Berufs abgebrochen.


Das fing ja schon mal gut an! Kaum die ersten Stunden im Beruf und schon in den Urlaub geschickt! Aber das musste so sein: Durch den Beginn unserer Berufsausbildung am 1.8.1977 hatten wir Auszubildenden 5/12 Urlaubsanspruch des Kalenderjahres 1977 und davon sollte der größte Teil gleich am Anfang genommen werden. So wurden wir erst einmal für 2 Wochen nach Hause geschickt.

Herr Maximilian W., unser Ausbildungsleiter in Bremen, erklärte uns an diesem 1.8. unsere Rechte und Pflichten als Azubis. Da saßen wir also zusammengewürfelt aus vielen Bremer Stadtteilen und den niedersächsischen Umlandgemeinden  Bremens: Michael B., Anke C., Astrid W., Rolf-Holger S., Daniel O., Dietmar S., Uwe B., Karl-Christian V., Ted-Roger K., Evelyn D., Elke P., Rainer B., Frank K., Frank B., Angela N., Kirsten P., Jörg N., Heinz F.,  Astrid L., Karin B., Irene J., Uwe J., Martina J., Sabine A., Christine Z. und noch ein paar, deren Namen ich nicht mehr weiß. Aus Delmenhorst, Oldenburg, Cloppenburg und Bremerhaven waren ebenfalls die neuen Azubis angereist: Christiane S., Heiko P., Martina H. seine spätere Frau, ein superarroganter Pinsel aus Oldenburg, der schon Bundeswehroffizier gewesen war und deutlich älter war als wir Übrigen. Außerdem Rudi S. aus Cloppenburg und weitere, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Dann gab es bald - obwohl wir noch keinen Tag gearbeitet hatten - die erste Gehaltsabrechnung. Für alle - nur nicht für mich. Aus irgendeinem Grund war mein Personaldatensatz in der EDV nicht erstellt worden, so dass ich keine Gehalts-abrechnung bekommen konnte, also gab es auch kein Gehalt. Aber die großzügige Genehmigung der Personalabteilung, dass ich bis zum 15. September mein neues Konto um bis zu 300,00 DM überziehen durfte. Das fing ja gut an!

Diese Überziehungsmöglichkeit war auch erforderlich, denn ich musste mich für meinen neuen Beruf passend einkleiden. Mein erstes selbst verdientes Geld vom Gartenamt war für die Interrail-Tour draufgegangen und nun wollte ich von meiner ersten „Ausbildungsvergütung“ einen Anzug kaufen. Bisher hatte ich nur ein kobalt-blaues Jackett und eine schwarze Stoffhose, die ich zu meiner Abiturfeier getragen hatte. Mit meiner Mutter ging ich zu Finke-Kleidung in der Obernstraße und fand einen preiswerten hellgrauen Anzug, der mir gefiel. Nun konnte ich wenigstens regelmäßig wechseln.

Nachdem ich bisher Jahre lang tagtäglich mit Rollkragenpullover oder T-Shirt und Jeans herumgelaufen war, fiel die Umstellung auf Oberhemd, Krawatte und Sakko zunächst schwer. Wenn ich abends nach Dienstschluss die Bank durch den Personalausgang Katharinenstraße verließ, war der erste Griff stets zum Kragen, Knopf öffnen, Krawatte abziehen und endlich Erleichterung.

Das Krawattebinden musste ich mir auch erst mühselig beibringen. Stundenlang stand ich mit meinem Vater vor dem Spiegel und verzweifelte. Erst als Michael B. mir eine einfache Version des doppelten Windsorknotens zeigte, kapierte ich das Prinzip. Ab da wurde es einfacher. Heute binde ich mir die Krawatte notfalls im Dunkeln und ohne Spiegel – alles Übungssache.

Als unsere Berufsausbildung begann, war die Arbeitswelt eine ganz andere, als heute und auch die Ausbildungsinhalte unterschieden sich von den heutigen. Zunächst einmal gab es noch feste Arbeitszeiten: Dienstbeginn war täglich um 08:15 Uhr und montags bis mittwochs war um 16:45 Uhr Schluss. Am Donnerstag (Schlado = Scheiß langer Donnerstag) war erst um 18:15 Uhr Feierabend und am Freitag bereits um 15:45 Uhr. Das blieb auch so, bis ich 1986 Bremen verließ. An variable Arbeitszeiten war damals noch nicht zu denken, also war man bemüht, auf jeden Fall pünktlich zu sein und fürchtete Verspätungen der Bahn. Die Öffnungszeit der Bank begann stets um 08:30 Uhr und Schließung war 15 Minuten vor Dienstende. 

Wenn Dienstschluss war, wurde auch aufgehört zu arbeiten, egal ob man fertig war oder nicht. Natürlich, Kundenberatungsgespräche wurden nicht abgebrochen, aber man legte auch möglichst keinen Beratungstermin auf eine Uhrzeit kurz vor Feierabend, wenn es sich vermeiden ließ. Anfangs war auch Silvester noch ein Bankarbeitstag, an dem wir bis 12:00 Uhr geöffnet hatten. Heiligabend war damals schon Bankfeiertag.

Außerhalb der Bremer Schulferien hatten wir zwei Mal die Woche Berufsschul-unterricht am Kaufmännischen Berufsschulzentrum an der Contrescarpe im Stephaniviertel. Endete der Unterricht vor der 6 Stunde, mussten wir anschließend in den Betrieb, ab der 6. Stunde durften wir anschließend (zum Lernen) heimfahren. Natürlich achteten wir darauf, dass keiner im Betrieb erfuhr, wenn an einem planmäßigen 6-Stunden-Schultag mal eine Stunde ausfiel. Leider gab es immer „Verräter“, so dass es mehrfach Ärger deswegen gab. Mit dem Unterricht an der Berufsschule tat ich mich deutlich leichter als im Gymnasium. Hatte ich im Abitur in Mathematik mit viel Mühe und Nachhilfe die 4 geschafft, so stand ich im kauf-männischen Rechnen ohne große Anstrengung auf einer 2. Bankbetriebslehre, Buchführung und allgemeine Wirtschaftslehre fand ich einfach, kaufmännisches Englisch ohnehin, und alles andere konnte man gut mit den anderen gemeinsam lernen. Ein ungewohntes Gefühl: plötzlich war ich ein guter Schüler!

In der Berufsschule waren die Auszubildenden der einzelnen Kreditinstitute auf mehrere Klassen verteilt, so dass wir auch schnell Kontakt zu den Kollegen der Sparkasse in Bremen oder der Bremer Bank (Niederlassung der Dresdner Bank in Bremen) bekamen. Und auch bei diesen Instituten war es so wie bei uns: unter den Auszubildenden gab es Kukis, Mikis und normale Azubis. Kukis waren Kundenkinder, Mikis waren Mitarbeiterkinder (in dem Sinne war ich ein Mine = Mitarbeiter-Neffe). 

Im Betrieb lernten wir den praktischen Teil unseres Berufs kennen: durch aktives Mitarbeiten und Lernen am Arbeitsplatz und durch internen Unterricht, der von Fachkräften der einzelnen Abteilungen gehalten wurde und theoretisches Wissen vertiefen sollte. Da die Ausbildungszeit für Abiturienten von 3 auf 2 Jahre verkürzt war, mussten wir in knapp 20 Monaten alles Prüfungsrelevante erlernen. Ein genauer Ausbildungsplan regelte, was wann zu erlernen wäre. Der Durchlauf durch die einzelnen Fachabteilungen und Zweigstellen war damit schon zu Beginn der Ausbildung festgelegt. 

Ganz am Anfang eines neuen Ausbildungsjahrgangs gab es folgende Möglichkeit zu beginnen: in einer Stadtzweigstelle, am Schalter des Hauptgeschäfts am Domshof, in der Zahlungsverkehrsabteilung, in der Scheck-/Wechsel-Abteilung, in der Disposition oder der Registratur und Zentralkartei. Die höheren Weihen wie Effektenabteilung, Kreditausbildung, Baufinanzierung, Innenleitung oder Auslandsabteilung gab es erst im zweiten Ausbildungsjahr.

Ich kam gleich am Anfang in die Sparabteilung am Domshof. Hier gab es den Schalterbereich, in dem Kunden zu bedienen waren und im Wesentlichen Ein- oder Auszahlungen auf Sparbüchern vorzunehmen waren, Sparkonten oder Sparverträge eröffnet wurden oder Buchungen auf Sparbüchern nachzutragen waren. Das war insbesondere ab dem 1.1. eines neuen Jahres spannend, wenn hunderte vorwiegend ältere Kunden mit ihren Sparbüchern ankamen, um die Zinsen für das abgelaufene Jahr eintragen zu lassen. Manche hatten gleich ganze Stapel an Sparbüchern dabei und alles musste noch mit der Hand eingetragen werden! Da konnte man mit einem (immer ungeduldiger werdenden) Kunden schon mal längere Zeit verbringen. In Bremen wussten wir, dass andere Filialen in Deutschland gerade maschinell zu beschriftende Sparbücher einführten, doch Bremen war noch sehr rückständig. Für jedes Konto gab es eine Kontotasche: eine auf DIN-A-5-Format gefaltete Tasche aus durchsichtigem Plastik, in der die Kontounterlage mit Unterschriftsprobe abgelegt war und auf kleinen Papierblättchen die jeweiligen Kontobewegungen und Kontostände verwahrt wurden. Diese Blättchen wurden einmal am Tag von der Groß-EDV im Rechenzentrum angedruckt und mussten morgens als erstes vorwiegend von uns Auszubildenden einsortiert werden. Das war eine ätzende, langweilige, aber zwingend notwendige Tätigkeit, die viel Konzentration erforderte, denn wenn wir hier einen Fehler machten, konnte das gravierende Folgen haben. Ich weiß nicht, wie viele tausend Blättchen ich in meiner Lehre und den Jahren danach einsortiert habe.

Damals hatten wir eine erheblich höheres Zinsniveau, als heute: für Sparkonten mit gesetzlicher Kündigungsfrist gab es damals noch 4% Zinsen, für Konten mit 48-monatiger Kündigungsfrist über 6%.

Der Sparschalter war in der Kundenhalle links als eigene Abteilung mit einer eigenen Kasse angelegt. Es gab einen Abteilungsleiter, Klaus F., sowie mehrere feste Mitarbeiter, meistens Damen und auch schon Teilzeitkräfte. Besonders ist mir hier Anke P. in Erinnerung geblieben, die sich sehr nett um die Auszubildenden kümmerte und gut erklären konnte. Zur Sparabteilung gehörte auch die Sparprämienstelle, die im Hintergrund agierte und keinen oder nur seltenen direkten Kundenkontakt hatte. Sie wurde von Harald K. geleitet und hatte die Aufgabe, die staatlichen Prämien für die vermögenswirksamen Leistungen und die Prämiensparverträge der Kunden ordentlich zu beantragen und zu verbuchen. Hier war es als Azubis besonderes gruselig, weil es fast nichts anderes als Blättchen einzusortieren gab.

Um hier mal einen kleinen Einblick in die damals normale Welt der Bankarbeit zu geben, eine kurze Schilderung unserer Arbeitsbedingungen. Wie bereits erwähnt wurden alle Einträge in Sparbüchern mit dem Kugelschreiber oder dem Tintenfüller vorgenommen. Computer gab es nur als Großrechner, kein Mitarbeiter hatte ein Computerterminal oder einen PC vor sich zu stehen, geschweige denn einen Laptop oder ein I-pad. Gearbeitet wurde ausschließlich papierhaft. Das gilt auch für die Unterschriftsprüfungen, die jeden Tag tausendfach vorzunehmen waren. Da es noch keine Bargeldautomaten gab, holten sich alle Kunden ihr benötigtes Bargeld am Schalter bzw. an der Kasse. Dazu füllten sie einen Auszahlungsschein aus und wir mussten prüfen, ob die Unterschrift in Ordnung war und genug Guthaben oder Kreditrahmen verfügbar war, um auszahlen zu können. In den Zweigstellen gingen wir dazu an den Kontenschrank und prüften alles, am Domshof legten die Kassierer den Auszahlungsschein auf ein elektrisches Gerät und bei den Disponenten erschien dann der Auszahlungsbeleg auf einem kleinen Fernsehschirm, so dass sie die Unterschrift prüfen und die Verfügung freigeben konnten.

In der Bremer Kassenhalle gab es auch einen Reiseschalter, an dem man Bargeld in ausländischen Währungen bekommen oder diese in DM umtauschen oder Reise-schecks kaufen konnte. Da es damals den Euro als weitverbreitetes Zahlungsmittel in Europa noch nicht gab, benötigte man für jeden Besuch in Holland, Frankreich Spanien oder Österreich Gulden, Francs, Pesos oder Schillinge. Und da Bremen eine bedeutende Hafenstadt war, kamen auch sehr häufig Seeleute aus exotischen Ländern, um ihre US-Dollars oder Heimatwährungen in DM zu tauschen. Zu den Reiseschecks: wenn man ins Ausland reisen wollte und nicht viel Bargeld mitnehmen wollte, kaufte man in einer Bank DM- oder Dollar-Reiseschecks, die in Anwesenheit des Bankmitarbeiters einmal unterschrieben wurden. Bei Ankunft im Ausland ging man in eine dortige Bank, legte den Scheck vor, unterschrieb ein zweites Mal und bekam dann, wenn die Unterschriften übereinstimmten, den DM- oder Dollar-Gegenwert in Landeswährung ausgezahlt. Ein sicheres System, das heute keine Anwendung mehr findet.

Die Einführung von Computern für alle Mitarbeiter war ein Riesenschritt, der erst Mitte der 80er erfolgte. Dazu wurden Siemens-Nixdorf-Terminals installiert, mit denen man in gelber Schrift auf schwarzem Grund die Daten der Groß-EDV abrufen konnte und Sparbücher bedrucken oder andere Kundenandrucke erstellen konnte. Nun hatte das Blättchen einsortieren endlich ein Ende gefunden!

Nach der Zeit in der Zweigstelle war ich einige Wochen bei den Disponenten, die für sämtliche Geldbewegungen auf allen laufenden Konten der Firmen- und Privatkunden verantwortlich waren, danach im Zahlungsverkehr, wo wir mit den Datenerfasserinnen Schecks, Überweisungen und Lastschriften maschinell verarbeiteten. Zum Zahlungsverkehr gehörte auch die Scheck-/Wechselabteilung, in der besonders skurrile Typen arbeiteten, über die man die wildesten Gerüchte vernahm. Der Wechsel spielte damals im Firmenkundengeschäft – und gerade in der Hanse- und Hafenstadt Bremen - noch eine große Rolle sowohl als Zahlungsmittel als auch als Kreditmittel, so dass wir alles über Wechseldiskontierung und Wechselinkasso noch life erlernen konnten. Zum Glück war das erste Jahr schnell vorüber. Mittendrin – in der Zeit im Zahlungsverkehr – hatte ich mir schon die Frage gestellt, ob das wirklich der richtige Beruf für mich wäre und ob ich mich nicht doch auf ein Studium konzentrieren sollte. Aber ich glaube, das geht jedem, der einen Beruf erlernt, eine Zeit lang so, dass man seine Berufswahl in Frage stellt. Von unseren Mitazubis hat eine sich diese Frage sehr konkret gestellt und hat die Ausbildung zu Gunsten eines sozialen Berufs abgebrochen.





[VA] Kaum jemand muss heute noch über Zinsrechnung nachdenken, das geht doch alles "automatisch" oder individuell mit ein paar Tastendrücken oder Klicks. Nee, nee, das war vor Einführung von Rechnern ein zeitaufwändiges Unterfangen, bis 1920 dem Sparkassen-Hauptkassierer Wilhelm Gillardon aus der badischen Kleinstadt Bretten die Idee kam, durch übersichtliche, nach Zinsfüßen gegliederte Zinstabellen die Arbeit in Banken und Sparkassen zu erleichtern. Sein System war so einfach wie übersichtlich: In klar strukturierten Tabellen für jeden Tag des Jahres hat er für jeden der Zinsfüße die Zinsergebnisse für 1,00 bis 900.000 Reichsmark aufgeführt. Die Zinstabellen kamen so gut an, dass er den Gillardon-Fachverlag für (die heute legendären) Zinstabellen am Bankarbeitsplatz gründete. Mit diesen Zinstabellen schrieb Gillardon Erfolgsgeschichte. Viele Jahrzehnte bis in die 1980er Jahre konnte keine Bank ohne sie auskommen.


[VA] Der Abakus ist eines der ältesten bekannten Rechenhilfsmittel und vermutlich sumerischen Ursprungs. Der erste Abakus tauchte etwa zwischen 2700 und 2300 v. Chr. auf und war eine Holz- oder Tontafel, die in Spalten unterteilt war, wobei jede Spalte eine Stelle im sumerischen Sexagesimalsystem repräsentierte. Auf diese wurden gleichgroße Steine aus Ton oder kurze Schilfrohre gelegt. Die Sumerer erkannten, dass das Rechnen auf Linien oder Spalten effizienter war als mit verschiedenartigen Rechensteinen, bei denen die Größe oder Form die Position im Zahlensystem angab.

Bei der Anwendung des Abakus wird gerechnet, indem durch Addieren positiver oder negativer Zahlen jeweils unmittelbar die neue Summe als Ergebnis eingestellt wird. Beim Erlernen der Fertigkeit, mit dem Abakus zu rechnen, geht es daher im Wesentlichen darum, für jede Ausgangszahl (0 bis 9) zu lernen, wie jede zu addierende oder zu subtrahierende Zahl eingestellt wird. Wenn infolge stetigen Übens gewissermaßen ohne Nachdenken die Finger selbst „wissen“, was sie zu tun haben, können die Zahlen viel schneller eingegeben werden als auf einem elektronischen Taschenrechner. Die Zeitersparnis ist jedoch nur bei Addition und Subtraktion vorhanden, wie sie meist im Einzelhandel benötigt werden.

Hier ein paar Bilder und Infos zum chinesischen Abakus, dem ein offenbar sehr zufriedener Kunde seinem die Filiale wechselnden Banker zum Abschied schenkte: